„Elizabeth, mach' mir noch schnell ein paar Krüge mit Bier, die Leute saufen heute, als wenn es kein Morgen mehr gäbe.“
William Golden wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn. Es war ein warmer Tag in London und - viel schweißtreibender - seine Schänke „Golden Kingsbridge“ war bis auf den letzten Platz gefüllt.
„ELIZABETH! Wo steckst Du denn? Ach, da bist Du ja. Du denkst daran, dass Du Dich nicht nur um die gut aussehenden, jungen Männer kümmerst, nicht wahr?“ Elizabeth errötete und warf einen Blick zu dem Edelmann, der ganz hinten links in der Ecke saß, DAS war einmal ein Mann, dieser feine Wams, diese gepflegte Erscheinung, ganz bestimmt kam er nicht aus England, nein, dafür war er viel zu vornehm. Vielleicht ein Händler aus Italien, vielleicht sogar ein Fürst oder Graf...
„Herrgott, Elizabeth, steh' nicht 'rum und tagträume, der Pfaffe dort gleich neben der Küche, der wartet schon auf seinen Krug. Geh' und bring ihm sein Dunkles.“
William selbst brachte eine dampfende Schüssel zu einem Mann, der an seinem wunderlichen Akzent ebenfalls deutlich als Fremder zu erkennen war, vermutlich ein Deutscher, er hatte gehört, dass die aus dem Süden Mengen an Bier und Essen in sich hinein schaufeln konnten und da war er ja bei ihm genau richtig.
„So, werter Herr, wie gewünscht eine Spezialität des Hauses: Kidney Pie. Meine Mary legt die Nierchen selber ein, ganz 'was feines. Besseres werden Sie in ganz London nicht finden.“ Voller Erstaunen sah er, wie der Fremde den Krug in einem Zug leerte. Hm, so einen Zug am Leib sah man hier selten, dachte William verblüfft, alle Achtung. „Elizabeth, mehr Bier...ELIZABETH...“
Scheu lugte Elizabeth während dessen um einen Pfeiler herum auf eine ungewöhnliche Gesellschaft an einem der größeren Tische. Alle waren mit dunklen Mänteln bekleidet, ja fast verhüllt. Darunter konnte man feinstes Tuch erkennen. Sie sprachen sehr leise miteinander, so als wenn niemand hören sollte, was sie sprachen. So feine Leute sah man hier selten in diesem Viertel am Hafen. Sie wunderte sich...und hörte schon wieder ihren Vater rufen... „Der reinste Kerkerknecht...“, seufzte sie bei sich und stieß beim Umdrehen mit einem weiteren Gast zusammen.
„Oh, Herr, verzeiht, entschuldigt, ich bin untröstlich…“ stammelte das Mädchen. „Ich hatte schon unangenehmere Kontakte in diesem Viertel, weitaus unangenehmere.“, erwiderte der Mann mit einem lässigen Grinsen. „Bringt mir Wein, junge Dame, dort hinten zum Fenster.“ Elizabeth nickte eifrig und eilte zur Theke, herrje, sind hier denn heute nur so gut aussehende Männer im Haus?! Groß gewachsen, dunkle Haare, schon wieder ein Südländer, hm, sie schmachtete auch diesem hinterher.
Plötzlich sprang die Tür auf und eine große Anzahl von bewaffneten Männern drang in die Schänke ein. Ein großer Mann rief: „Nieder mit dem König!“ Seine Gefolgsleute stimmten in lautes Gejohle an und der ganze Tross bewegte sich in Richtung des großen Tisches mit der geheimnisvollen Gesellschaft. „Da sitzt der Hurensohn! Ergreift ihn!“ rief der Anführer.
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